Plötzlich erinnern sich Nachbarn an Merkwürdigkeiten
AUTOREN: Robert Klages und Christian Vooren
Das Dorffest in Höxter-Bosseborn ist abgesagt. Gleich nebenan wurden in den letzten Jahren mindestens sechs Frauen gefoltert, zwei starben. Wie gehen die Nachbarn damit um?
Unsere Blendle-Empfehlung. VON ROBERT KLAGES UND CHRISTIAN VOOREN
Der Bürgermeister spricht von einem Schock. Einem für die gesamte Region. Und einem, der „die ganze intakte Dorfgemeinschaft zerrissen hat“. Alexander Fischer, 52, Sozialdemokrat, sitzt mit verschränkten Beinen in seinem Amtszimmer hinterm Schreibtisch. Vor ihm liegen Zeitungsberichte, die ihn betroffen machen.
Fischer sagt, die Bewohner von Höxter-Bosseborn seien arg verunsichert. Auch deshalb, weil sie nicht wissen, was noch alles kommen mag, ob die Polizei weitere Leichen findet. „Dieses Gefühl ist schwer zu ertragen.“ Und dann der Medienrummel. Reporter, Übertragungswagen und Kamerateams belagern den Saatweg, in dem das Gehöft steht, das jetzt bundesweit als „Horror-Haus“ bekannt ist. Der Ansturm habe dazu geführt, dass sich die Anwohner „zurückgeschlossen“ hätten, sagt der Bürgermeister. Was Höxter jetzt vor allem brauche, sei Ruhe.
Das Dorffest ist abgesagt. Der Heimatverein hat es in einer Sondersitzung so entschieden. „Blasmusik zu spielen, nach allem, was passiert ist, schien uns unangebracht“, sagt einer aus der Kapelle.
Es herrscht Fassungslosigkeit in Bosseborn. Und viele treibt eine Frage um: Wie konnte es geschehen, dass niemand etwas von dem Grauen mitbekommen hat? Mindestens sechs Frauen sollen Wilfried W. und Angelika B., die Bewohner des „Horror-Hauses“, in den vergangenen fünf Jahren per Kontaktanzeigen nach Bosseborn gelockt, diese dann gefoltert, geschlagen und misshandelt haben. Manche über Monate hinweg. Mindestens zwei ihrer Opfer überlebten die Torturen nicht. Hätte man das nicht merken müssen oder wenigstens ahnen? Gab es keine Indizien, dass hier zwei Menschen unbegreifbare Verbrechen begehen?
Bosseborn hat bloß eine Handvoll Straßen und gut 500 Einwohner. Ausgehen oder einkaufen kann man hier nicht, dafür muss man fünf Kilometer über Land fahren, durch Rapsfelder und Obstplantagen. Vor dem Grundstück am Saatweg 6 stehen vier Polizeiwagen, das Objekt wird rund um die Uhr überwacht. Beamte tragen Beweismaterial in Pappkartons aus Haus und Scheune.
Martin Temme hat ebenfalls eine Weile in dem Haus gewohnt, seine Winterreifen und ein paar Werkzeuge lagerte er bis vor Kurzem noch immer in dem Schuppen, den jetzt die Ermittler durchsuchen. Irgendwann haben er und seine Frau sich entschieden, ein paar Türen weiter zu ziehen. Jetzt wohnen sie 50 Meter Fußweg entfernt. Temmes Frau ist Teil einer Erbengemeinschaft, sie wuchs in dem Gehöft auf. Zu den schönen Erinnerungen an das Elternhaus ist nun eine fürchterliche hinzugekommen.
Nach ihrem Auszug vermieteten die Temmes das Haus. Mit jedem neuen Mieter verschlechterte sich der Zustand des Gebäudes, zuletzt waren sie froh, dass sich überhaupt noch jemand meldete. Das waren Wilfried W. und Angelika B.
Die beiden, heute 46 und 47 Jahre alt, waren damals verheiratet, gaben sich aber als Geschwister aus, und jeder im Ort glaubte es. Er sei der schüchterne Part dieses ohnehin zurückgezogenen Duos gewesen, sie der dominante, sagt Martin Temme. „Die Miete brachte sie immer persönlich in bar vorbei.“ Angelika B. habe dann stets behauptet, ihr Bruder sei ein zurückhaltender Typ. Als wolle sie etwaige Fragen bereits im Vorfeld abwehren ...
Quelle und mehr:
http://www.tagesspiegel.de/themen/repor ... 94974.html